Beruf & Bildung
29.08.2017

Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt

Als gelernter Winzer entschied ich mich nach 10 jähriger Berufserfahrung in weinbaulichen Lohnunternehmen für eine Weiterbildung zum Agrarservicemeister in Triesdorf. Als erster ASM Kurs in Bayern schlossen 13 Personen 2016 die Ausbildung ab. Unter den Absolventen  befanden sich auch 2 gelernte Winzer.

Nach dem Abschluss ließ mich der Gedanke, Berufserfahrung im Ausland zu sammeln, nicht mehr los. Durch YouTube- Videos stieß ich auf die Weinlese in Neuseeland. Dadurch, dass die Logos der Firmen in den Videos zu sehen waren, konnte ich die Betriebe im Internet finden und per E-Mail Kontakt aufnehmen. Meine Wahl fiel auf die Weinregion Marlborough, die im nordöstlich gelegenen Teil der Südinseln zu finden ist. Mit rund 79 % der gesamten Weinproduktion und 24.020 ha Anbaufläche (2016, Quelle: nzwine.com), stellt die Marlborough-Region heute mit Abstand das größte Weinanbaugebiet Neuseelands dar. Angebaut wird hauptsächlich Sauvignon Blanc, doch auch Pinot Noir ist in der Region zuhause.

Nachdem ich eine Jobzusage inklusive Unterkunft in einem Lohnunternehmen erhalten und die ganzen Formalitäten (Visum etc.) organsiert hatte, konnte der Flug gebucht werden.

Im November 2016 startete das Abenteuer Neuseeland. Dass die ersten Tage wirklich zu einem Abenteuer werden würden, konnte ich in Deutschland noch nicht ahnen. Unglücklicherweise hatte kurz vor dem Abflug ein starkes Erdbeben die Region rund um Kaikoura erschüttert, auch die Weinregion Marlborough war betroffen. Nach der Ankunft in Christchurch gestaltete sich die Weiterreise Richtung Norden, bedingt durch verheerende Erdbebenschäden, schwierig. Endlich angekommen stellte sich heraus, dass die zugesicherte Arbeit sowie die Unterkunft nicht den Erwartungen entsprachen. Ein neuer Job musste also her. So gut wie alle  Arbeitsplätze für qualifizierte Personen in Marlborough werden nur unter der Hand oder über Kontakte und Bekanntschaften vergeben. Meine Vorarbeit in Deutschland zahlte sich zum Glück aus, denn ich hatte im Zuge meiner Bewerbungen auch Kontakt zum größten neuseeländischen Lohnunternehmen im Weinbau, der JTC viticulture Ltd., aufgenommen und in Kürze einen Termin für ein Vorstellungsgespräch erhalten. Der Inhaber Jason Tripe war von meiner Qualifikation, Berufserfahrung sowie den Englischkenntnissen so beeindruckt, dass noch während des Vorstellungsgespräches der Termin des ersten Arbeitstages vereinbart wurde. Vier Tage später war dann mein erster Arbeitstag bei JTC viticulture Ltd. Der Betrieb verfügt über 13 John Deere Schlepper, unzählige Anbaugeräte sowie zehn Gregoire Traubenvollernter und bietet alle Maschinenarbeiten im Weinbau an. Die Hürden in diesem Unternehmen sind hoch. Neben guten Maschinenführerkenntnissen und technischem Verständnis werden auch sehr gute Englischkenntnisse inklusive technischer Fachbegriffe erwartet. Nach der anfänglichen Testphase beim Mulchen wurden mir anschließend ein neuer Laubschneider und ein Laubsauger zur Verfügung gestellt, beide „Made in Germany“. Durch das Laubschneiden werden die Rebstöcke, die in einer Drahtanlage (Höhe: ca. 1,90 m bis 2,00 m) stehen, in den Reihen in Form gehalten, sodass eine Bewirtschaftung möglich ist. Des Weiteren wird durch das Laubschneiden versucht ein optimales Blatt-/Fruchtverhältnis zu erreichen, um die Fotosynthese zu optimieren. Dadurch konzentriert sich die Energie der Pflanze verstärkt auf die Fruchtbildung (Weintrauben). Der Laubschnitt erfolgt im Frühjahr und Sommer pro Weinberg zwischen zwei und vier Mal pro Jahr (rebsortenabhängig). Beim Beschneiden gilt die Regel: so nah wie möglich an der Laubwand zu schneiden ohne Trauben (Beeren) und Drähte zu beschädigen. Beim Laubsaugen werden die Reihen im Weinberg links und rechts in der Traubenzone entblättert, sodass mehr Sonnenlicht und Luft an die Trauben gelangen. Bei Morgentau und Regen verringert die Luftzirkulation die Fäulnisbildung durch eine schnellere Abtrocknung der Trauben. Durch die höhere Sonneneinstrahlung an den Trauben wird ebenso die Reife der Trauben vorangetrieben und der Zuckergehalt erhöht. Je höher der Zuckergehalt der Trauben, desto höher ist die Qualität des späteren Weins. Durch die Entfernung der Blätter in der Traubenzone wird bei einer Pflanzenschutzbehandlung eine bessere Benetzung der Trauben erreicht. Das Entblättern kann von Hand sowie maschinell (Laubsauger) erfolgen, wobei Entblätterung per Hand äußerst zeitaufwendig ist. Der Laubsauger saugt mithilfe von Sauggebläsen die Blätter an. Anschließend werden sie mittels Zupfwalzen abgezupft. Der Anpressdruck muss in jedem Weinberg individuell eingestellt werden, sodass keine Trauben (Beeren) beschädigt werden.

Michael Angel,
Redaktionell bearbeitet
von Jennifer Nickel

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Michael Angel vor einem Traubenvollernter Michael Angel vor einem Traubenvollernter