Beruf & Bildung
13.01.2022

Wieder in Fahrt kommen

Anerkannter Fachbetrieb (AFB)

Sich mit garantierter Qualität vom Wettbewerb abzuheben, ist seit über 20 Jahren die Funktion des Zertifikats „Anerkannter Fachbetrieb“, kurz AFB. Höchste Zeit also, die Zertifizierungs-Richtlinien zu überarbeiten und dem Projekt neuen Schwung zu verleihen.

Dank der Vorgabe „2G+“ konnte das in der Regel einmal jährlich stattfindende Treffen der AFB Mitglieder dieses Jahr wieder stattfinden. Nach einigen kurzfristigen Absagen war die Teilnehmerzahl zwar auf ein Dutzend geschrumpft und somit eindeutig überschaubar. Dies
tat jedoch der Arbeitsfähigkeit keinen Abbruch, sondern sorgte für einen intensiven Austausch.

Praxisauftakt
Zuerst folgte die Gruppe der Einladung seitens Jessica und Jaan Otten, ihren AFB-zertifizierten Betrieb in Wehldorf, zwischen Zeven und Rotenburg/Wümme gelegen, kennenzulernen. Schon der leckeren Mittagsimbiss sorgte für intensiven Erfahrungsaustausch der Lohnunternehmer/innen, der beim anschließenden Betriebsrundgang fortgesetzt wurde. Dabei schilderten die Gastgeber die Entwicklung ihres Unternehmens, die Herausforderungen eines wachsenden Unternehmens in räumlich begrenzter Dorflage sowie das Tätigkeitsspektrum des 1976 gegründeten Unternehmens.

Derzeit sind zwölf Festangestellte, zwei Auszubildende und zusätzlich in der Ernte bis zu 16 Aushilfen bzw. Saisonhelfer im Einsatz. Die drei Hauptstandbeine bei „Otten Biotech“ bestehen aus breitem Spektrum landwirtschaftlicher Lohnarbeiten (mit besonderem Schwerpunkt in der Futterernte und organischen Düngung), der Kompostproduktion sowie gewerblicher Tätigkeiten, wie etwa Baugrundstücke herrichten, Bodenaustausch oder Grabenaushub. Seit 2007 bildet das Unternehmen im Beruf Fachkraft Agrarservice aus, 2008 erhielt es das AFB-Siegel.

Qualitäts-Update
Der folgende Tag stand ganz im Zeichen des AFB und der Frage, wie das „Projekt“ Anerkannter Fachbetrieb weiterentwickelt werden kann. Diese Aufgabe ist durchaus vielschichtig. Eine Ebene betrifft die eigentliche Überarbeitung der Zertifizierungskriterien und des Anerkennungsverfahrens. Schließlich besteht das Gütesiegel seit mehr als 20 Jahren und hat vor dem Hintergrund einer sich rasch wandelnden Branche erkennbaren Aktualisierungsbedarf. Entsprechend detailliert und intensiv widmeten sich die Teilnehmenden der Tagung in zwei Arbeitsgruppen diesem Thema und passten die Vorgaben in vielen Punkten an.

Thematisiert wurden jedoch nicht nur inhaltliche Aspekte, sondern ebenso das eigentliche Verfahren der Anerkennung. Zur Diskussion standen u.a., wie die Nachzertifizierung der zurzeit 45 AFB-Betriebe künftig gehandhabt werden soll. Eindeutig plädierten die Teilnehmenden für eine Verkürzung des alle zehn Jahre anzusetzenden Prüfintervalls. Bisher übernehmen primär AFB-Lohnunternehmer diese Aufgabe bei Erst- und Nachprüfungen, was jedoch erhebliche zeitliche Ressourcen binde und zudem die Jurymitglieder vor die teils prekäre Aufgabe stelle, Kollegen-Betrieben im Ernstfall das Gütesiegel verweigern zu müssen. Daher müsse künftig über eine Veränderung bei der Zusammensetzung der Jury nachgedacht werden.

Breiteren Raum nahm darüber hinaus die Frage ein, welche Ansprüche an die AFB-Anerkennung künftig zusätzlich gestellt werden sollten. Hintergrund dessen ist der Trend seitens Gesellschaft und Politik, auch von der Landwirtschaft und damit indirekt den
Lohnunternehmen mehr Nachhaltigkeit zu fordern. Dr. Robert Hilden, seit September Bereichsleiter des DLGFachzentrums Landwirtschaft, sorgte dazu mit einem Impulsvortrag für eine gute Diskussionsgrundlage. In den anschließenden Gesprächen zeigte sich, dass dieses Thema erstens wichtig, zweitens jedoch relativ komplex ist und somit nicht „einfach mal so“ in den AFBKriterienkatalog aufgenommen werden kann. Diese Denksportaufgabe wird die Gruppe noch länger beschäftigen.

Intensivere Betreuung
Ebenfalls noch nicht ausdiskutiert ist, wie die Arbeit der Gruppe generell intensiviert werden kann. Das betrifft einerseits größere Bemühungen um neue AFB-Betriebe, andererseits eine insgesamt intensivere Arbeit und Betreuung des Arbeitskreises. Wunsch und Vorgabe der Gruppe, artikuliert durch den im Sommer 2021 gewählten AFB-Vorstand Jessica Otten und Florian Hofmann, ist deshalb die Einstellung einer primär für den Arbeitskreis tätigen Person im BLU.

Zweifelsfrei ist dabei, dass die hierfür entstehenden Personalkosten weitgehend von den AFB-Betrieben zu tragen sein werden. Dies wurde in der Runde jedoch eindeutig befürwortet.

Zum Ausklang der Tagung rückte erneut die Landtechnik in den Fokus, einerseits durch einen Vortrag durch Heinz Gartelmann, Geschäftsführer Fricke Landmaschinen und Vorsitzender des Handwerks- und Handelsverbandes Land- und Baumaschinentechnik Niedersachsen e.V.. Er stellte den Anwesenden nicht nur die Entwicklung und heutige Struktur der Fricke-Gruppe vor und schilderte aktuelle Trends in der Welt der Landmaschinen-Fachbetriebe, sondern setzte den Fokus speziell auf das Thema Mitarbeiterqualifikation und -bindung – ein Thema, das auch die Lohnunternehmen mehr denn je fordert. Den Abschluss bildete ein Besuch des Fricke-Tochterunternehmens Saphir Maschinenbau und des Gebrauchtmaschinenzentrums in Bockel an der A1.

Jens Noordhof,
Redaktion LOHNUNTERNEHMEN

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