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29.07.2021

Bericht zum Erfüllungsstand der „Freiwilligen Selbstverpflichtung zur Rücknahme und Verwertung gebrauchter Agrarfolien“ vom 28.06.2021 für das Jahr 2020

1. Hintergrund
Die Verbände und Organisationen
  • IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e.V., Bad Homburg
  • IK-Initiative ERDE (Erntekunststoffe Recycling Deutschland) und die dort zusammengeschlossenen Hersteller von Agrarfolien
  • Deutscher Raiffeisenverband e.V., Berlin
  • Bundesverband Agrarhandel e.V., Berlin
  • BLU Bundesverband Lohnunternehmen e.V, Wunstorf
haben am 26.06.2019 die Freiwillige Selbstverpflichtung zur Rücknahme und Verwertung gebrauchter Agrarfolien an das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit übergeben (Anlage 1). Darin ist festgehalten, dass „die IK-Initiative ERDE (sich) verpflichtet, im Rahmen eines Monitorings durch Mitteilung von Menge, Gewicht und Material der jährlich in Verkehr gebrachten und verwerteten Erntekunststoffe einen Bericht über die Einhaltung der Rücknahmequoten für Silo- und Stretchfolien und weitere Erntekunststoffe (siehe Punkt 2) sowie über die darüberhinausgehenden Maßnahmen der Freiwilligen Selbstverpflichtung zu erstellen. Der Bericht wird durch einen unabhängigen Sachverständigen für jedes Kalenderjahr erstellt und bis spätestens 1. Mai des Folgejahres dem Bundesumweltministerium übermittelt.“

Der vorliegende Bericht enthält eine Zusammenfassung des erreichten Standes der in der freiwilligen Selbstverpflichtung eingegangenen Zusagen, gestützt auf
  • den Prüfbericht eines unabhängigen Sachverständigen (GVM Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung, Mainz) über die erreichten Sammel- und Verwertungsquoten (Anlage 2)
  • eine Marktstudie der GVM im Auftrag von ERDE zum „Aufkommen von Agrarkunststoffen in Deutschland 2019“ (Anlage 3)
2. Stand der Sammlung und Verwertung von Silo- und Stretchfolie
In der freiwilligen Selbstverpflichtung ist niedergelegt, „mindestens folgende Anteile der insgesamt in den deutschen Markt gebrachten Silo- und Stretchfolien zu sammeln und einer werkstofflichen Verwertung zuzuführen:
  • bis 31.12.2020: 50%
  • bis 31.12.2022: 65 %“.
Damit ist für das Sammeljahr 2020 eine konkrete Verwertungszuführungsquote abzurechnen. Der Prüfbericht des unabhängigen Sachverständigen (GVM) weist aus, dass im Jahr 2020

                                                                                   26.910 Tonnen Silo- und Stretchfolie

gesammelt und der werkstofflichen Verwertung zugeführt wurden. Damit konnte die Sammelmenge für Silo- und Stretchfolien im Vergleich zum Vorjahr 2019 um ca. 31% gesteigert werden. Die Entwicklung der seit 2014 jährlich gesammelten Mengen zeigt die folgende Abbildung 1.

Die Sammlung wurde in 2020 an 543 festen Sammelstellen und über 1936 Direktabholungen bei Landwirten durchgeführt.
Die gesammelten LDPE/LLDPE-Folien enthalten trotz der Vorreinigung durch den Landwirt und bei Einhaltung der Annahmekriterien an den Sammelstellen unvermeidbar bis zu 20% Feuchtigkeit und mineralische Verunreinigungen, die erst beim Verwerter vor der Zuführung in den finalen Recyclingprozess entfernt werden. Insofern unterscheidet der Prüfbericht des unabhängigen Sachverständigen
zwischen einer Verwertungszuführungsquote (brutto) mit Verunreinigungen (Basis: 26910 t Folie) und einer Verwertungszuführungsquote (netto) ohne Verunreinigungen (Basis: 21528 t Folie).
Unter Berücksichtigung der Marktmenge für Silo- und Stretchfolie gemeinsam von 42.616 t (Anlage 3, S. 42) beträgt für das Jahr 2020 die

                                                                           Verwertungszuführungsquote (brutto) 63,15%
                                                                                                        und die
                                                                           Verwertungszuführungsquote (netto) 50,52%

Damit wurde die Freiwillige Selbstverpflichtung zur Rücknahme und Verwertung gebrauchter Agrarfolien an das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit für das Jahr 2020 erfüllt. Davon ausgehend, dass die Verwertungszuführungsquote (netto) ein realistisches Bild der tatsächlichen Kunststoffverwertung vermittelt, nimmt ERDE sie zur Grundlage für den Grad der Erfüllung der freiwilligen Selbstverpflichtung.
Alle in 2020 gesammelten Folien wurden der werkstofflichen Verwertung innerhalb der EU zugeführt. Der Anteil der in Deutschland verarbeiteten Menge betrug dabei 55 % (siehe Tabelle 1).

3. Ökologische Wirkungen der Sammlung und Verwertung
Die in 2020 gesammelten und recycelten 26 910 Tonnen Silo- und Stretchfolien entsprechen gemäß einer Studie des Fraunhofer-Instituts UMSICHT einem CO2- Äquivalent von 30 312 Tonnen Kohlendioxid – einer Einsparung an Treibhausgasen, die jährlich rund 2,2 Millionen Bäume binden würden.

4. Stand der Sammlung und Verwertung weiterer Erntekunststoffe
Die Unterzeichner der freiwilligen Selbstverpflichtung haben sich zur Einbeziehung der Sammlung und Verwertung weiterer Erntekunststoffe im Rahmen des ERDE-Systems wie folgt verpflichtet:
  • Ballennetze mit Übergabe der Selbstverpflichtung: Juni 2019
  • Spargelfolien: 1.11.2019
  • Pressgarne: 1.11.2020
  • Mulchfolien: 1.11.2021
Bereits Mitte des Jahres 2019 wurden erste Sammlungen von Ballennetzen in Form von extra dafür ausgelegten Säcken an einigen Sammelstellen durchgeführt. Seit 2020 wird die Sammlung als eigenes ERDE-Projekt von (einigen) Netzherstellern mit separatem Budget finanziert und vom Systembetreiber gemeinsam mit Sammelstellen umgesetzt.
Der Prüfbericht des unabhängigen Sachverständigen (GVM) weist aus, dass im Jahr 2020

                                                                           488 Tonnen Ballennetze

gesammelt und verwertet wurden. Bislang gibt es in Europa keine Recyclinganlagen, die Ballennetze aus HDPE so aufbereiten, dass sie
werkstofflich verwertet werden können. An einer Lösung des Problems wird in mehreren Ländern gearbeitet, auch ERDE ist durch die Bereitstellung von Probemengen in diese Bemühungen involviert – 20 Tonnen der gesammelten Menge wurde Recyclinganlagen als Testmaterial zur Verfügung gestellt.

Im Jahr 2020 führt der ERDE-Systembetreiber RIGK zwei Pilotprojekte zur Sammlung und Verwertung von Spargelfolien in zwei Spargelanbaugebieten gemeinsam mit lokalen Anbauverbänden und Landhändlern durch. Im Rahmen der Pilotprojekte wurden

                                                                                           613 Tonnen Spargelfolie

gesammelt und nachweislich werkstofflich verwertet. Seit 2021 bietet ERDE ein Sammel- und Verwertungskonzepte für alle Spargelanbaugebiete in Deutschland an, das bundesweit in Spargelanbaugebieten genutzt wird. Zu diesem Zweck wurden von Spargelanbauer- Verbänden bereits über 100 Poster und Aufsteller abgerufen, die bundesweit an Spargelfeldern auf die Initiative ERDE aufmerksam machen (siehe Abbildung 2). Gebrauchte Spargelfolien sind nach ihrem bis zu acht-jährigem Einsatz durch einen hohen Anteil von Sand im Verhältnis zur Folie gekennzeichnet, der in Abhängigkeit von der i.d.R. händischen Vorreinigung und anderer Faktoren zwischen 2:1 und 5:1 liegt. ERDE ist ein Forschungsprojekt des Leibnitz-Institutes für Agrartechnik und Bioökonomie involviert, das die maschinelle Reinigung von Spargelfolien noch auf dem Feld zum Ziel hat.

Auch für Erntebindegarne (Pressgarn) aus Polypropylen wurden 2020 Pilotprojekte durchgeführt. Die systematische deutschlandweite Sammlung startete offiziell 2021.
Für Pressgarn ist der Sonderfall zu verzeichnen, dass es keine Produktion in Deutschland gibt, die gesamte Marktmenge wird von verschiedensten Herstellern aus der EU und außerhalb der EU importiert. Die hochwertigen PP-Garne können in Europa werkstofflich verwertet werden.

Weitere Pilotprojekte für die Produktgruppen Hagelschutznetz, Bewässerungsschläuche und Lochfolie wurden im Jahr 2020 durchgeführt.
Zu den Mulchfolien, die ab 2022 in das ERDE-Sammelsystem integriert werden sollen, ist anzumerken, dass hier ein Trend zur Verwendung bioabbaubarer Folien zu verzeichnen ist. Die in der GVM-Marktstudie ausgewiesenen ca.1500 t bioabbaubare Folie auf dem deutschen Markt beziehen sich nahezu ausschließlich auf Mulchfolien. Lochfolien, die im Anwendungsgebiet einige Überscheidungen mit Mulchfolie aufweisen (z.B. für Frühkartoffeln) werden ab 2021 in das systematische Sammel- und Verwertungskonzept ERDE aufgenommen.

5. Ausblick
Die Erweiterung des ERDE-Systems auf andere Erntekunststoffe verläuft entsprechend der freiwilligen Selbstverpflichtung – und umfasst sogar zusätzliche Produktgruppen wie Lochfolie. Pilotprojekte für Hagelschutznetze und Bewässerungsschläuche werden im Jahr 2021 fortgeführt.

Im Herbst 2021 wird die konstituierende Sitzung des ERDE Beirates erfolgen, einem Gremium bestehend aus fünfzehn Personen aus Bundes- und Landesministerien, Agrarverbänden, Forschung und Industrie, welches der Initiative ERDE in den kommenden Jahren beratend zur Seite stehen wird.

Unter Berücksichtigung der in 2020 erreichten Verwertungszuführungsquote (netto) von 50,52% sind weitere Anstrengungen erforderlich, um das Ziel von 65% in 2022 zu erreichen.
Inwieweit sich die aktuelle Rohstoffkrise der Europäischen Kunststoffverarbeitung auf die diesjährige Finanzierung des Systems auswirkt, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden. Preissteigerungen für Kunststoffneuware in den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 von bis zu 75 Prozent (für Kunststoffrezyklate bis zu 55 Prozent) werden gewiss vermehrt zu Verbrauch gelagerter Produkte und weniger neuer Nachfrage nach Agrarkunststoffen sorgen. Dies wird sich direkt auf die Finanzierung des Systems auswirken.
Eine weitere Herausforderung bleibt die Gewinnung der jeweils verbleibenden marktbeteiligten Hersteller bzw. Inverkehrbringer zur (insbesondere finanziellen) Unterstützung der spezifischen Sammel- und Verwertungsstrukturen. Um ein ganzheitliches Sammelkonzept anzubieten ist das ERDE System zudem auf die Unterstützung des Großhandels für Agrarfolien angewiesen. Die oft mehrstufigen Handelsstrukturen im Bereich Agrarkunststoffe stellen dabei eine besondere Aufgabe für Kommunikation und Zusammenarbeit dar.

Besorgt wird die Umsetzung des Basel Amendments in der EU beobachtet – die bisher berücksichtigten Verschmutzungsgrenze für 2 bis 8 Prozent für den Export innerhalb der EU von Kunststoffabfällen wird im Bereich der Agrarfolien nicht einzuhalten sein und könnte dadurch die etablierte Rücknahme- und Verwertungspfade des Systems in der EU (siehe Tabelle 1) gefährden.

Bad Homburg, Juni 2021

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