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20.05.2020

Projektergebnisse „Wirtschaftsdüngerlogistik“ liegen vor

Seit vielen Jahren belasten Nährstoffüberschüsse in viehstarken Regionen die Umwelt. Insbesondere die Einträge in das Grundwasser stehen hier im Mittelpunkt der Problematik. Eine naheliegende Lösung stellt die Verbringung von Wirtschaftsdüngermengen aus der Veredelungsregion in die Ackerbaugebiete dar.

Das Land Niedersachsen hat 2016 das Verbundprojekt „Wirtschaftsdüngermanagement Niedersachsen“ initiiert, um in dreijährigen Untersuchungen die Belange und Anforderungen der Land- und Bioenergiewirtschaft in den abgebenden bzw. aufnehmenden Regionen zu erarbeiten. Darüber hinaus wurde der Aufbau eines Zertifizierungssystems für die Logistikbetriebe verfolgt, um wichtige Erkenntnisse für eine nachhaltige, umweltgerechte und nachvollziehbare Vermittlung und Verteilung von Wirtschaftsdüngern aller Art zu gewinnen.

Das rechtliche Umfeld für die Landwirtschaft wird durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie, Nitratrichtlinie und NEC-Richtlinie seit Jahren eindeutig definiert. Daraus ergaben sich mehr oder weniger die Bundes- und Landesverbringungsverordnungen sowie Meldeverordnungen für die Akteure als rechtlicher Rahmen für die überbetriebliche Verbringung von Wirtschaftsdüngern.

Ein niedersächsischer Arbeitskreis aus Fachleuten von Maschinenringen und Lohnunternehmen haben die Erkenntnisse aus dem Projekt ZertLog für die Praxis zusammengetragen. In diese Aufgabenstellung war auch der BLU involviert, um die Grundlagen bzw. Referenz für eine Gütegemeinschaft im Bereich Wirtschaftsdüngung zu erarbeiten. Ziel war es, diesen Herausforderungen, die vor allem gesellschaftspolitischen Hintergrund haben, mit praxisnahen Lösungsvorschlägen zu begleiten. Nur so lassen sich übertriebener Bürokratismus und unerwünschte Kostensteigerungen vermeiden.

Ergebnisse ZertLog
Der Nährstofftransfer zwischen Überschuss- und Bedarfsregionen ist alternativlos. Das Projekt Zertlog hat sich vorrangig mit der Problematik im Bundesland Niedersachsen befasst. Die Projektergebnisse „Wirtschaftsdüngerlogistik“ liegen vor aktuelle Gesetzeslage zum Dünge- und Baurecht macht Mengen und Kreisläufe transparent und nachvollziehbar. Das Düngegesetz ermöglicht allen Bundesländern, Gütegemeinschaften zur Sicherung der überbetrieblichen Nährstoffversorgung zuzulassen. Gütesicherungssysteme zur Wirtschaftsdüngung können weiteres Vertrauen in Politik und Gesellschaft erzeugen.

Freiwillige Regelungen, wie z.B. die Rahmenvereinbarung Nährstoffkreislaufwirtschaft (2001), haben die Erwartungen nicht erfüllt und die Bedeutung einheitlicher Verpflichtungen für die beteiligten Betriebe und Prozessstufen herausgestellt. Unter der Vorgabe einer Optimierung von Transparenz und Sicherheit in der Verbringung wären folgende Grundvoraussetzungen zu erfüllen:
  • Verpflichtende Teilnahme an einer Gütegemeinschaft für alle Vermittler und alle Vorfälle der überbetrieblichen Nährstoffverbringung („Gütegemeinschaft als Flaschenhals“)
  • Akzeptanz des Gütesicherungssystems durch alle relevanten Institutionen aller Kreisverwaltungen und Landesbehörden („Alle oder keiner“)
  • Erfassung aller Viehhaltungs- und Biogasanlagen mit behördlicher Kontrolle der Erfüllung von Abgabeverträge von Wirtschaftsdüngern
Dokumentation
Ein lückenloses Dokumentationssystem muss beim Abgeber beginnen und beim Abnehmer enden, auf dessen Fläche der Wirtschaftsdünger eingesetzt wird. Der Abgeber muss als erster Inverkehrbringer in der Verantwortung eines ordnungsgemäßen Verbringungsprozess bleiben. Dieser sorgt nachdrücklich für eine sichere Nährstoffverbringung, die nachfolgenden Kontrollen durch die zuständigen Fachbehörden Stand hält. Denn wenn der Weg für die komplette Lieferkette vom „Stall bis zur Fläche“ nicht einwandfrei nachvollzogen werden kann, sollte die Verbringung als nicht erfolgt festgehalten werden. Zur Umsetzung dieser  zentralen Aufgabe kann sich der Abgeber verschiedener Dienstleister bedienen. Maschinenringe, Lohnunternehmer oder andere Akteure können an dieser Stelle ihre Leistungen anbieten, sofern sie nach einem behördlich anerkannten Gütesicherungsverfahren arbeiten.

Logistik
Gülle enthält bis zu 90 % Wasser und ist daher wirtschaftlich nur bedingt transportwürdig. Mit einem LKW mit Gülleauflieger kann man kostendeckend etwa 60 – 80 km weit gehaltvolle Schweinemastgülle transportieren. Demgegenüber lassen sich mit einem Kombiliner (2 Lagerräume – Gülle und Getreide) sogar 150 – 200 km wirtschaftlich überbrücken. Nährstoffverfügbarkeit und Ausbringungskosten auf der Fläche (Vergleich Ausbringungskosten frei Krume mit der Mineraldüngung) mindern die Wirtschaftlichkeit.

Von entscheidender Bedeutung aber ist, dass die Gülle vor allem im Frühjahr zum rechten Termin und in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Eine Lieferung „just-in-time“ ist aus Gründen der Entfernungen und des Verkehrs auf Grund von mangelnden Transportkapazitäten im Frühjahr fast unmöglich.

Sinnvoll ist der Lagerstättenbau in den Bedarfsregionen an verkehrsgünstigen Standorten in der Feldmark. Diese ließen sich problemlos in Herbst und Winter mit den Mengen befüllen, die im Frühjahr für die Wirtschaftsdüngung gebraucht werden. Ackerbaubetriebe haben aber (noch) Probleme, die entsprechende Baugenehmigung zu erhalten.

Maßgebend im Nährstofftransfer ist der aufnehmende Ackerbaubetrieb. Dieser zeigt dann Bereitschaft zur  Nährstoffkreislaufwirtschaft, wenn damit zumindest keine wirtschaftlichen Nachteile verbunden sind. Im Vergleich zum
Mineraldüngereinsatz stellt die Düngung mit Wirtschaftsdüngern größere Herausforderungen für den Ackerbauern dar. Diese finden sich insbesondere in folgenden Kriterien wieder:
  • inhomogene Organik mit schwankenden Nährstoffgehalten
  • eingeschränkte Reproduzierbarkeit von Analysewerten
  • Befahrbarkeit der Ackerflächen
  • Ausbringungsverbote auf schneebedeckten oder gefrorenen Böden
  • Bodendruck insbesondere bei Hackfrüchten
  • Arbeitsbreiten von Pflanzenschutzund Düngetechnik
  • hohe Ansprüche an die Logistik insbesondere bei der Frühjahrsdüngung
  • flächenstarke Ackerbaubetriebe fordern Tagesleistungen von mindestens 30 ha (entspricht etwa 600 Kubikmetern Schweinegülle)
  • Bereitstellung von Lagerraum
EDV
Zur Dokumentation von beteiligten Betrieben, Mengen, Fahrtstrecken, Lagerstätten, usw. drängen sich auf Grund der zu verwaltenden Datenmengen moderne IT-Lösungen auf. Neben spezieller Software und GPS bzw. Trackingsystemen stehen bei den Akteuren Smartphone und Apps im Fokus des Interesses. Die Devise lautet praxisgerecht, flexibel, einfach und kostengünstig. Das Angebot von Systemanbietern kann sich mit betriebsindividuellen Lösungen ergänzen. Wichtig ist das Datenformat für die
problemlose Übergabe an die Düngebehörde.

Analytik
Die labortechnische Analytik der Nährstoffgehalte ist derzeit maßgebend. Schnellbestimmungsverfahren (NIRS, Quantocheck,…) bringen eher ungenaue Werte, die die Kreisläufe nachhaltig stören können. Die Fachbehörde sollte die Werte aus aktuellen Untersuchungen veröffentlichen, um die eigene Analytik zu bewerten. Die Ausweisung von „Mindestgehalten in Wirtschaftsdüngern“ (in Abhängigkeit von Haltungsform, Fütterung und Konsistenz) wird die Akzeptanz und den Einsatz der Wirtschaftsdünger in den Ackerbauregionen steigern.

Ausblick
Der Ansatz der nachvollziehbaren Verbringung von Wirtschaftsdüngern ist ein gangbarer Weg zur Lösung der komplexen Nährstoffsituation in Niedersachsen. Prinzipiell reichen die gesetzlichen Regelungen für eine Umsetzung und Kontrolle der ordnungsgemäßen Verwertung organischer Düngemittel aus.

Gütesicherungssysteme können durch interne Regelungen (Handbuch) Mindeststandards für Abgeber, Transporteure und Aufnehmer definieren, die eine zusätzliche Sicherheit für Herkunft, Qualität und Logistik im Verbringungsprozess bringen. Der Arbeitskreis Maschinenringe und Lohnunternehmen spricht sich für eine verpflichtendeTeilnahme an einer Gütegemeinschaft aus, die Wirtschaftsdünger aus ordnungsgemäßen Herkünften einsetzt und umweltgerecht verwertet. Entsprechend müssen klar definierte Verantwortlichkeiten und nachvollziehbare Dokumentation der Prozessketten die Forderungen eines zeitgemäßen Wirtschaftsdüngertransfers sein.



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Bildquelle: SAMSON Agro A/S Bildquelle: SAMSON Agro A/S