Beruf & Bildung
16.07.2019

Akteure auf gleichen Feldern

Landwirte, Lohnunternehmer, Gesellschaft

Das Image und die Wahrnehmung in der Gesellschaft ist für viele Landwirte auf der einen Seite eine Enttäuschung auf der anderen Seite ein brennendes Thema, das sie nicht los lässt. Wo liegt die Täuschung vor? Wer zeichnet das richtige Bild – von sich und von anderen? Oft sieht man das, was man sehen will.

Wir alle haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr viele Veränderungen und Umbrüche erlebt. Das Fundament der Gesellschaft ist heute ein anderes! Waren wir früher als Individuum ein Teil der Gesellschaft und i.d.R. auf der passiven Seite, versuchen heute viele, sich als Individuum in der Gesellschaft zu inszenieren. Mit Smartphone sind wir gleichzeitig Konsument und Berichterstatter geworden. Soziale Medien leben von schnellen, unüberschaubaren Meldungen und Informationen. In 60 Sekunden gehen Millionen von Emails, Tweets, Beiträge auf Facebook, Instagram usw. um die Welt. Eine Flut an Informationen, die kein Mensch verarbeiten kann. Auch die Wohnsituation ist eine andere. Weltweit leben schon heute 50 % der Menschen in Städten; bei den unter 30-Jährigen sind es schon 70 %.

Welchen Lebensstandard leisten wir uns? Ist das Maß der Dinge, bequem, strukturiert und wohl gestaltet in pflegeleichten „beherrschbaren“ Wohnungen und Häusern zu leben? Die „wilde, unbeherrschbare Natur“ wird draußen gelassen. Lebensmittel sind ständig in ausreichender und guter Qualität zu kaufen. Die Mehrzahl der Menschen will wenig Arbeit und Aufwand in Haus und Garten. So haben Laubbläser und Rasenmäherroboter Einzug gehalten und die Vorgärten in Stein sind auf dem Vormarsch. In der Summe der vielen Veränderungen und Entwicklungen erleben wir eine Entfremdung von Landwirtschaft und Gesellschaft.

Die Wahrnehmung einer Landschaft liegt im Auge und Herzen des Betrachters. Fest steht, Verbraucher und Landwirte sehen und nehmen unterschiedliche Dinge wahr. Verbraucher sehen die Kulturlandschaft als Rückzugsort für Freizeit und Erholung. Landwirte leben und arbeiten im ländlichen Raum. Sie bewirtschaften Äcker und Felder zur Erzeugung von Lebens- und Futtermittel. Wo ein Landwirt mit Stolz seinen wohlbestellten, gut entwickelten Weizenbestand sieht, sieht ein anderer Mensch Monokultur und gleichförmige Landschaft. Für Landwirte ist es selbstverständlich, große Maschinen zu fahren und auf Wirtschaftswegen unterwegs zu sein. Das ist ihre Arbeit, sie können mit ihrer Technik nicht einfach ausweichen. Wie betrachten Landwirte Radfahrer, Jogger oder Familien, die auf Wirtschaftswegen unterwegs sind und ihre Freizeit verbringen. Hier wird es sehr schwierig, vor allem wenn jeder nur sich selbst sieht und das was er sehen will.

Es geht darum, als Partner im ländlichen Raum im Gespräch zu bleiben. Jede Seite ist gefordert mal die Brille der Gegenseite aufzusetzen. Welche Wahrnehmung und Erwartungen liegen bestimmten Äußerungen zugrunde? Welche Interessen und Zwänge führen zu einem bestimmten Verhalten? Fakt ist, heute kann in Deutschland keiner mehr auf seinen Vorstellungen beharren. Räume und Landschaften sind zu eng und dicht besiedelt. Keiner ist der alleinige Platzhirsch auf dem Feld. Alle Akteure haben berechtigte Interessen. Erforderlich sind respektvolle Kommunikation, Verständnis und die Bereitschaft, sich Räume zu teilen.

Was können Landwirte tun? Jeder Akteur gestaltet mit seinem Auftreten und Handeln das Bild in der öffentlichen Meinung. Wir brauchen viele positive Bilder, um Ansehen (zurück) zu erobern. Kommt es zu Konfliktsituation auf Wirtschaftswegen oder „Arbeitslärm“ am Wochenende reagieren Menschen schnell emotional. Sie äußern sich unmissverständlich verbal oder auch nonverbal. Oft sind die Botschaften sehr direkt und wenig respektvoll. Es geht dann darum, seinem Ärger Luft zu verschaffen und weniger um Lösungen und Verständnis. Man sieht gern nur die wichtigste Person, sich selbst. Die Aufzählung der Vorwürfe ist lang: Lärm, verschmutzte Straßen, Begegnungen mit Pflanzenschutz- oder Düngergespannen, Geruchsbelästigung oder Ausweichmanöver auf Wirtschaftswegen. Hier heißt es im Dialog zu bleiben, trotz aller Gräben, Vorurteile und Schuldzuweisungen. Das ist und bleibt die große Herausforderung.

Die Gefahr ist, dass die Gesprächspartner nur ihre eigene Insel betrachten. Auf ihrer Insel bündeln sich Wissen, Erfahrungen, Meinungen, Erlebnisse, Vorurteile, Erwartungen, Bedürfnisse usw. In der Kommunikation geht es in erster Linie darum, sich verbal mit einer anderen Person auszutauschen. Klar spielen da Auftreten, Mimik, Gestik und eine weitere Rollen. Doch es gilt eine Gesprächsebene auf Augenhöhe herzustellen. Es geht darum, sich in die Situation und Erfahrungswelt einer anderen Person hineinzuversetzen. Ziel ist es, gleichzeitig Emotionen anzunehmen und Sachlichkeit einziehen zu lassen.

Vorurteile und Pauschalierungen bieten keine echte Lösung. Gefragt sind Bereitschaft, Geduld und Ausdauer. Die Auseinandersetzung mit der Gegenseite ist auf lange Sicht eine Daueraufgabe. Wir brauchen Einsicht und das Verständnis Lebensräume und Wege zu teilen. Der parkende Kleinwagen auf Wirtschaftswegen am Ortsausgang ist ein Hindernis für große Arbeitsmaschinen. Der moderne, schnelle Traktor wirkt für Fußgänger als Bedrohung. Es geht darum, dass jede Partei berechtigte Erwartungen hat!

Denken Sie daran, sehr, sehr viele Menschen haben den Bezug zur Landwirtschaft verloren. Vorbei die Zeiten, in denen sich die Menschen auf „Bauernhoferlebnisse“ bei Großeltern
beziehen konnten. Verloren das Wissen über Hintergründe und Zwänge der  Lebensmittelerzeugung, das Wechselspiel mit den natürlichen Gegebenheiten und Wettereinflüssen. Die Menschen vorsorgen sich bevorzugt in großen Supermärkten mit großen Parkplätzen am Ortsrand. Sie wählen unter einem unerschöpflichen Angebot an Vielfalt und Qualität aus. Die „schlechten Zeiten“ sind vorbei. Wer verfügt über das Wissen und die Bereitschaft aus Grundnahrungsmitteln eigene Gerichte zu kochen? Trotz der Vielzahl an Kochsendungen im Fernsehen geht der Trend zu vorgefertigten Produkten und Außer-Haus-Versorgung. Auf der anderen Seite sind viele Verbraucher beim Thema Landwirtschaft emotional in der „Zeit ihrer Großeltern“ verankert. Im Herzen der Menschen fechten schön gefärbte Ideale mit realen Bildern einer modernen Landwirtschaft. Tatsächlich arbeiten Landwirte heute mit mehr Technik. Menschen in der Landwirtschaft schätzen den technischen Fortschritt und nehmen Neuerungen an. Die Landwirtschaft ist digitaler als viele andere Branchen. Düngung und Pflanzenschutz wird auf einem modernen Niveau durchgeführt, Qualifizierung hat eine hohe Bedeutung und ist eine ständige Aufgabe. Es verbirgt sich viel mehr Wissen und Verantwortung im Handeln des Landwirts als extern wahrgenommen wird bzw. wahrgenommen werden kann.

Hier ist ein großes Feld zu beackern! Geben Sie Hintergrundinformationen und skizieren Sie im Gespräch, warum Sie ihre Arbeit so erledigen, wie es nach außen sichtbar ist. Nutzen Sie auch die Möglichkeiten moderner Medien. Authentische und schöne Bilder vermitteln Stimmungen. Damit können sie Sachlichkeit gewinnen und Emotionen wecken. Die technischen Möglichkeiten bieten heute für jeden „Berichterstatter“ die Möglichkeit, auf Sendung zu gehen. Hinzu kommt das Phänomen „schlechte Beispiele wirken länger“! Das ist leider so. Negativen Erfahrungen bleiben länger im Kopf präsent. Man kann sichtlich erleben, wie sich negative Begegnungen und Erlebnisse einbrennen und nachhaltig wirken. Man spricht länger und mit mehr Personen darüber. Gute Nachrichten sind wenig interessant, schlechte Nachrichten sind gefragt. Das bedeutet aber auch, um eine negative Erfahrung wieder auszubügeln ist eine ungleich größere Anstrengung erforderlich. In lauten, heftigen Streitgesprächen sehe ich eine große Energieverschwendung. Gehen Sie zielorientiert vor. Gehen Sie mit gutem Beispiel und empathischer Kommunikation voran. Wir transportieren unsere Einstellung und unseren Respekt im Handeln und in Gesprächen. Zeichnen Sie das Bild, das Sie zeigen wollen! In der Landwirtschaft arbeiten gut ausgebildete Fachkräfte, mit moderner Technik, oft zu Zeiten, in denen sich andere Bürger erholen, usw. Die Argumente können Sie fortsetzen. Formulieren Sie für sich Werte und Standpunkte. Erklären Sie das Warum und Ihre Motivation. Finden Sie Gelegenheiten sich und ihre Branche ins rechte Licht zu setzen. Menschen sind emotionale Wesen.

Die Chancen Menschen mit ihrem Lebensraum, ihren Lebensmitteln und ihren Produzenten zu verbinden liegt in Ihren Händen. Sie als Akteure der Landwirtschaft vertreten Ihre Branche und Ihren Berufsstand. Viele Erlebnisse und Einzelbilder, positiv wie auch negativ, bilden das Image einer Sparte. Verbinden Sie Fakten und Daten mit Ihren Vorstellungen und Geschichten. Jeder ist Botschafter seiner Gruppierung und seines Standes!

Annette Schmid
Fachzentrum für Energie & Landtechnik (Landmaschinenschule) Triesdorf


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